Korsika und Sardinien

Ankunft auf Korsika im Golfe de Valinco

 

5. Juni 2019 Überfahrt 2. Tag

Die erste Nacht auf einer längeren Fahrt ist die schlimmste. In der Freiwache findet man kaum Schlaf, weil ein Rhythmus fehlt. Entsprechend war der darauffolgender Tag. Es gab ja nicht viel zu tun außer ein Buch zu lesen. Doch dadurch wurde man schon nach einer halben Seite müder als man sowieso schon war.

Seit Menorca stand der Autopilot auf Windsteuerung was bedeutet, dass man die Segelstellung nicht verändern muss, wenn sich der Wind dreht. Nur der Kurs muss regelmäßig beobachtet werden.

Am Nachmittag drehte der Wind links und nahm etwas zu. Da wir kein festes Ziel hatten, hieß das neue Ziel eben Korsika. Wir wollten jedoch im Hellen ankommen und dafür war das Boot zu schnell. Wir hatten jetzt sogar raumen Wind und waren mit 8 Knoten unterwegs. Jeden Ankerplatz auf der Südwestküste von Corsika hätten wir damit noch im Dunkeln erreicht. Wir mussten „Gas wegnehmen“. Zu diesem Zweck wurden Fock und Großsegel so dicht wie nur möglich genommen, was die Fahrt auf 5 Knoten reduzierte.

6 Juni Ankunft auf Korsika

Angelandet nach 44 Stunden

Kurz vor Sonnenaufgang fiel der Wind dann erstmal ganz aus, wir waren aber noch nicht angekommen. Die Maschine wurde deshalb jedoch nicht gestartet. Etwa eine halbe Stunde später gab es wieder etwas Wind aus Westen und der ausgesuchte Ankerplatz im „Golfe de Murtoli“ wurde kurzerhand gegen einen Ankerplatz an der Westküste in „Campomoro“ im „Golfe de Valinco“ getauscht. Ganz nach dem Motto: Unser Ziel ist dort, wo der Wind uns hinträgt. Die Küste von Korsika war nur noch etwa drei Meilen entfernt, doch nichts davon war zu sehen. Ringsum war der Horizont vollkommen vernebelt und der Himmel war auch bedeckt. Die französische Gastlandsflagge wurde unter die Steuerbordsaling gesetzt.

Wie zu erwarten, lagen in der Bucht schon jede Menge Boote am Anker. Der Ankergrund war Sand mit Seegras bewachsen. Wir suchten uns einen krautfreien hellen Fleck, den wir auf 13 m Tiefe fanden.

Die Bucht ist malerisch schön. Am Land gibt es einen kleinen Laden, der das Nötigste an Lebensmitteln und Obst anbot. Außerdem existiert dort auch ein Hotel mit einem Restaurant.

7. Juni 2019

Morgens 8:00, absolut ruhiges Wetter. Die Grib-Datei zeigte von 11:00 Uhr bis 14:00 Uhr etwa 50 Meilen westwärts Winde der Stärke 4 bis 5 an. Das ist die Düse zwischen Korsika und Sardinien. Mal weht es daraus nach Osten und mal nach Westen, abhängig davon, wo ein Hoch oder Tief gerade liegt. Mit dem Dingi im Schlepp ging es mittags aus der Bucht heraus, wieder irgendwohin an der Südwestküste.

Abfahrt aus Campomoro

Ein schwacher Wind von Backbord reichte gerade, dass man fünf Knoten bei mitlaufender Maschine machen konnte. Doch nach Umrundung des Kaps und Einschlagen von Kurs nach Süd war Schluss damit. Die Segel hingen nur noch schlaff wackelnd herum. Etwas weiter draußen waren Schaumkronen zu sehen, also mit Maschinenkraft dorthin. Es wirkte. Der Windmesser stieg wieder, zuerst auf 10, dann auf 15 und schließlich auf 18 Knoten und die Fahrt ging ab. Leider kam der Wind genau von dort, wo wir hinwollten, nämlich aus Südost. Egal, dann wir halt gekreuzt. Bei 22 Knoten wurde das Großsegel gerefft, die Krängung wurde zu stark. Im Salon polterte es manchmal, weil die windschwachen Tage dazu verleitet hatten, einige Gegenstände nicht seesicher zu verstauen.

Das Schiff lag trotzdem schwer auf der Seite, denn der Windmesser stieg weiter und zeigte schließlich 28 Knoten mit Spitzen über 30 Knoten. Der Seegang nahm gewaltig zu und es bildeten sich schon Streifen. Das war zwar noch kein richtiger Sturm, beim Fahrtensegeln muss man aber auch das nicht haben, schon gar nicht mit nur zwei Personen an Bord und es geht auch aufs Material.

Ein weiterer Segler suchte Ruhe in der gleichen Bucht

Obwohl wir bisher nur 10 Meilen weit gekommen waren, beschlossen wir die nächste Bucht anzulaufen um zu Ankern. Das war dann der Golfe de Murtoli. In der Bucht war der Seegang plötzlich weg und der Wind nur noch halb so stark und dann passierte das, was passieren musste, wenn man etwas vergisst. Es war schon ein Ritual geworden, das Dingi vor dem Rückwärtsfahren kurz zu binden, damit seine Schleppleine nicht in den Propeller kommt. Aber jetzt waren wir im wahrsten Sinne durch den Wind und haben genau das vergessen. Prompt war die Leine durch und das Dingi hing mit seinem Bug wie festgenagelt an der hinteren Steuerbordseite. Offensichtlich war das andere Ende der Schleppleine stramm um die Welle gewickelt. Abwechselndes Einlegen von Rückwärts- und Vorwärtsgang brachte keinen Erfolg, nur ein ganz schwaches Quietschen. Es muss also getaucht werden.

Zuerst warteten da noch andere Dinge. Die Abwasserpumpe im Heckbereich lief ununterbrochen. Das war mit einer Reinigung des Füllstandssensors schnell erledigt. Auch eine Toilette machte wieder Probleme, weil der Inhalt des Steigschlauches zum höherliegenden Fäkalientank ständig ins Becken zurücklief. Das Rückschlagventil hielt nicht dicht. Das passiert regelmäßig alle paar Wochen. Die Batterie von meinem Freediver-Kompressor musste auch noch geladen werden, wenn ich das Dingi befreien wollte. Das dauerte erstmal drei Stunden. Doch plötzlich war das Dingi von alleine wieder frei und trieb an seiner Sicherungsleine. Den Tauchgang konnte ich mir also sparen.

8. Juni 2019

Morgens begrüßte uns die Sonne und die See war ruhig. Wir beschlossen nach Sardinien zu wechseln, aber alles in Ruhe anzugehen. Zuerst wurde die Schleppleine am Dingi verlängert, denn da fehlte irgendwie ein Stück.  Sonst gab es nichts Nennenswertes und wir brachen gegen Mittag auf. Ankerkette und Anker hatten sich mehrfach hinter Steinen verhakt, wodurch sich das Aufholen etwas in die Länge zog.  Schließlich war das geschafft und die Segel wurden gesetzt.

Der Wind war wieder mal entsetzlich schwach, nur weniger als 5 Knoten und schlief manchmal auch ganz ein. Am Kap de Feno, etwas nördlich von Bonifazio, hatte Segeln keinen Zweck mehr und die Tücher wurden wieder eingerollt. Weiter ging es mit Maschinenkraft.

Sonne versinkt hinter der Insel Razzoli

Das erste Ziel auf italienischer Seite war die Inselgruppe Santa Maria, Isola Budelli und Razzoli. Genau im Zentrum dieser drei Inseln war ein Ankerplatz ausgewiesen und das AIS verriet, dass dort schon einige Boote vor Anker lagen. Als wir ankamen, verlies gerade ein größeres Segelboot aus Chile (MID-Code 725 im AIS Signal) einen günstig gelegenen Platz, den wir dann einnehmen konnten. Eigentlich war genug Platz zum Ankern. Direkt neben uns lagen sogar zwei deutsche Segler und wir entdeckten auch den Katamaran Kaya, der uns schon von Menorca aus begleitet hatte. Jedoch nur in einigen Meilen Entfernung im AIS Signal erkennbar.

Zuerst unternahmen wir eine kleine Rundfahrt mit dem Dingi. Die Inseln sind schroffe Gesteinsgebilde, nicht sehr hoch und mit wenig Vegetation. Nur auf Santa Maria waren Spuren von menschlicher Anwesenheit auszumachen. Es gab einen Steg, an dem ein Schlauchboot lag und ein Schild, auf dem das Wort Restaurant stand. Zu sehen waren aber nur ein paar marode wirkende Steingebäude, die wie Geräteschuppen aussahen. Menschen waren nicht zu sehen. Die Tiefe der Durchfahrt zwischen Santa Maria und Razzoli ist auf der Karte mit 3,5 m angegeben. Sie ist aber keine 50 cm tief und wegen der Steine schon zu flach für ein Dingi.

Telefon und Internet sind dort Fehlanzeige. Ich nutzte die Gelegenheit, mein Sattelitentelefon zu testen und gab ein Lebenszeichen ab, indem ich mit meinem Schwager in Deutschland telefonierte.  

9. Juni 2019

Ankerbucht zwischen den Inseln. Das Wetter war wie am Tag zuvor und auch an den nächsten Tagen nicht wie erwartet, brauner Regen, Kälte, kein oder zuviel Wind von falscher Seite.

Pfingstsonntag. Morgens um 8:00 Uhr heulte der Wind und die Ausholerleine trommelte wie wild auf dem Baum herum. Ich öffnete den Niedergang, um dem Lärm durch Öffnen des Fallenstoppers ein Ende zu machen. Eine Möwe hatte es sich auf dem Außenborder des Dingis bequem gemacht und flog weg, als sie mich kommen sah. Das Wetter war grässlich. Total bewölkt, es regnete und pfiff mit 5 Windstärken aus Osten kommend über die Bucht. Auf den anderen Schiffen war niemand zu sehen. Ein französischer Segler, war in der Nacht etwa 200 m vom Wind vertrieben worden. Offenbar hatte er am Vortag seinen Anker nicht festgefahren.

Zum Nachladen der Batterien startete ich den Generator. In dieser Bucht sollte er nicht unbeaufsichtigt laufen, denn ich hatte bei unserer Ankunft eine Menge dieser braunen Quallen gesehen und so bestand die Gefahr, dass eine vom Kühlwassereinlass angesaugt wird und den Motor lahmlegt. Schon zweimal hatte ich das Vergnügen, Quallen aus Filtern herausholen zu dürfen, allerdings noch nicht beim Generator.

Der Wind wollte nicht nachlassen und schnell war die Bucht voll, denn sie bot guten Schutz vor Winden aus Ost. Erst am Nachmittag besserte sich das Wetter und viele Boot verließen den Ankerplatz wieder. Am Abend stiegen wir ins Dingi und fuhren zur Santa Maria um uns die Beine zu vertreten. Teils zwischen künstlich angelegten steinernen Wällen waren Wege angelegt, auf denen man auf der Insel tatsächlich etwas wandern konnte. Bäume gab es keine, dafür aber dichtes Buschwerk.

10. Juni 2019 Pfingstmontag

Das Wetter hatte sich gebessert. Es war aber noch recht dunstig und der Himmel war durchgehend grau. In der Nacht hatte es auch wieder geregnet und die am Vortag gewaschenen Sprayhood-Folienfenster waren erneut von einer braunen Dreckschicht überzogen. Sie mussten abgespült werden. Der Wind war dabei, in die Bucht hineinzudrehen, wir sollten also verschwinden. Die Wetter-App „Windfinder“ zeigt in ihrer Kartendarstellung sehr eindrucksvoll, wie sich die Winde hier in der Düse zwischen Korsika und Sardinien verhalten. Sie wechselten beinahe täglich zwischen Ost und West hin und her.

Tre Monti 64 m

Wir wollten zunächst nach Palau. Nach näherem Hinsehen auf den Kartenplotter war dort die Wassertiefe zum Ankern nicht ausreichend, nur zwischen 2 m und 3 m. Eine andere Karte zeigte dagegen Tiefen zwischen 6 m und 7 m. Der Schiffsverkehr in der Nähe von Palau war immens, es war ja Pfingsten. Zahlreiche Segelboote, Schlauchboote und Motorboote fuhren hin und her oder kreuzten unseren Kurs. Zwei Autofähren, auf der Linie zwischen Palau und Maddalena, die dort im Stundentakt verkehren nahmen uns jeweils von Backbord und Steuerbord in die Zange. Die eine ging vor unserem Bug durch und die andere hinter unserem Heck.

Wir beschlossen Palau rechts liegen zu lassen und fuhren weiter. Der Tag war ja noch lange nicht zu Ende. Um voran zu kommen, mussten wir allerdings kreuzen, der Wind kam direkt von vorn. Schließlich ankerten wir in der Cala Bitta, an dessen Nordrand drei eigenartige Felskuppeln zu sehen waren. Das Wasser war recht trübe, so dass der Boden nicht zu sehen war. Der Anker hielt jedoch sofort. 

11. Juni 2019

Kleiner Supermarkt in Marinella

Der Himmel war immer noch grau. Dabei ist ein tagelang bedeckter Himmel eigentlich völlig untypisch für das Mittelmeer. Der Anker ging nur schwer aus dem Boden heraus und förderte dabei einen riesigen Klumpen sandigen Lehm an die Oberfläche. Wir mussten eine Weile langsam mit unter Wasser hängendem Anker fahren, bis dieser sauber war und ganz eingeholt werden konnte. Ziel war die Cala del Sardi im Golfo di Cugnana.

Angekommen ließen wir den Anker fallen und inspizierten die angrenzenden Ufer nach Anlegemöglichkeiten. Diese gab es zwar, aber die Gegend machte nicht gerade einen einladenden Eindruck. Also Anker wieder lichten und auf in die nächste Ankerbucht. Die fand sich nur wenige Meilen weiter im Golfo di Marinella.

Dort angekommen fiel der Anker auf gut haltendem Sand.

Ferienhaussiedlung

Später wurde das Dingi klargemacht. In der südlich der Bucht liegenden Marina Porto di Punta Marana befindet sich gleich hinter der Einfahrt rechts ein Dingisteg. In den Ort hinein kommt man von dort allerdings erst nach Durchqueren einer Feriensiedlung auf etwas verschlungenen Pfaden.

Im Ort gibt es verschiedene Bars und Restaurants. Wir fanden auch einen kleinen Supermarkt mit einem guten Angebot an Obst, mit dem wir uns erst einmal versorgten. Zum Mittag gab es Nürnberger Würstchen und Sauerkraut bei einer Flasche Weißwein aus den Bordvorräten.

 

12. Juni 2019

Morgens um 6 Uhr wurden wir von der Fockschot geweckt, die mit lautem dong dong dong gegen den Mast schlug. Der Wind war also stärker als 15 Knoten und auch der Stropp der Ankerkralle knarzte. Die Sonne schien durch die Luken und forderte aufzustehen. Ich ging an Deck und sah das Wunder – ein blauer und wolkenfreier Himmel. Sofort ging ich nach unten, um meine Kamera zu greifen und schnell noch einige Aufnahmen zu machen, denn das Wunder konnte schnell vorbei sein. Drei Stunden später, lies der Wind dann etwas nach, aber nur für eine kleine Pause, um dann mit 20 Knoten, und mehr wieder da zu sein. Und auch der Himmel wurde wieder leicht milchig.

Aranci

Wir lichteten den Anker und machten uns auf den Weg in Richtung Olbia. Es wurde eine schnelle Fahrt mit teilweise Rumpfgeschwindigkeit. Unterwegs entdeckte ich an ihren AIS Signalen in der Ankerbucht Golfo Degli Aranci gleich mehrere Schiffe, mit denen wir in der gleichen Bucht schon mal geankert hatten. Sogar der Katamaran Kaya, der am gleichen Tag wie wir von Menorca aufgebrochen war, befand sich dort. So beschlossen wir, Olbia zu verschieben und erstmal in diese Bucht zu fahren. So viele Schiffe  können sich nicht irren, der Platz kann nicht schlecht sein. Der Ort Aranci vor dem wir dann ankerten, war dann auch sehr viel größer als der von dem wir kamen und hat dann ja auch mehr zu bieten.

Ein Nachbarboot machte uns darauf aufmerksam, dass wir driften. Unser Anker hielt nicht mehr. Inzwischen war der Wind auf 25 Knoten hochgegengen. War die gesteckte Kettenlänge nicht ausreichend?

Wir verlegten den Ankerplatz und ich steckte 60 m Kette auf 9 m Wassertiefe. Beim ersten Mal waren 40 m Kette bei 7 m Wassertiefe draußen gewesen. Das hätte auch reichen müssen. Als der Anker ans Licht kam hingen Erdballen und Kraut an ihm. Er hatte also gepflügt und es war kein Sandgrund, was beim Festfahren nicht bemerkt worden war, weil die Kette nicht ruckelte. Außerdem bestand keine Sicht auf den Grund. Wir mussten lernen, dass der Halt des Ankers auch nach dem Festfahren noch weiter geprüft werden muss. Weil der Wind nicht nachlies, beschlossen wir, über Nacht zu bleiben und erst am nächsten oder übernächsten Tag nach Olbia zu segeln.

 

13. Juni 2019

Frühstück war gerade vorbei, da klopfte jemand ans Boot. Es war ein Mitarbeiter der Marina, der anbot für 90 Euro pro Tag in die Marina zu gehen. Im Preis sei Wasser und Strom enthalten. Ich sagte dankend ab, da wir ja nach Olbia wollten und zu teuer ist das sowieso. Doch erstmal machte ich das Dingi klar um den Ort Aranci zu besuchen. Wir mussten ja auch unseren Müll loswerden.

Aranci, Ankerplatz von Land aus gesehen

Das Dorf bot nichts Besonderes. Einige Pizzerien, eine Gintoneria (kannte ich bisher noch nicht) und einige Souvenirläden sowie ein kleiner Supermarkt waren zu finden. Nach dem Mittagessen machten wir uns zum Boot zurück, lichteten den Anker und nahmen Kurs auf Olbia, eine Stadt, die nach weniger als 10 Meilen zu erreichen war.

Wir hatten halben Wind von der Backbordseite, der zwischen 12 und 16 Knoten schwankte und machten gute Fahrt. Die letzten drei Meilen im Tonnenstrich fuhren wir dann mit Motorkraft. In Olbia kann direkt im alten Hafenbecken geankert werden. Wenn Platz frei ist, kann aber auch an der alten Handelsmole längsseits angelegt werden. Es ist eine Betonpier mit einigen Pollern. An der längeren nach Südost gerichteten Pier war nur noch der Platz am Ende frei. Den steuerte ich an, drehte aber gleich wieder ab, weil keine Poller vorhanden waren, über die man eine Leine hätte werfen konnte. Bei kleiner Crew ist dann das Risiko zu groß, das Schiff nicht schnell genug festlegen zu können.

Angelegt in Olbia

So fuhr ich dann die kurze nach Süden reichende Pier an. Dort lagen nur zwei Segelboote. Dazwischen und an der Spitze war noch Platz und Poller waren auch vorhanden. Als ich mich der Spitze näherte, stand dort „Piloti“ an die Wand gesprüht. Das war also ein reservierter Platz für ein Lotsenboot.

Ich war etwa 30 m von der Pier entfernt und drehte das Boot parallel zur Pier. Der Wind drückte mit 15 Knoten direkt auf die Backbordseite. Durch ganz langsame Rückwärtsfahrt und Ruder hart Steuerbord blieb das Boot parallel zu Pier. Dadurch wurde der Bug nicht weggedrückt und der Wind schob das Schiff ganz langsam an die Pier, bis es schließlich nach etwa 70 m Rückwärtsfahrt ziemlich sanft und genau in einer gut 20 m breiten Lücke zwischen zwei Gummiwalzen landete.  Die waren jeweils dicker als 1 m und dienten früher als Fender für Frachtschiffe, die dort anlandeten. Bei Vorwärtsfahrt wären wir bei dem Wind viel härter aufgeschlagen. Bug- und Heckstrahlruder brauchte ich nur noch, um die Fender optimal platzieren zu können, denn auch für den nächsten Tag war etwas mehr Wind angesagt.

An dieser Pier liegt man direkt im Zentrum von Olbia, einer der größeren Städte auf Sardinien mit einem Flughafen und einem wichtigen Seehafen zum Festland. Später mussten wir feststellen, dass man dort nur maximal 48 Stunden liegen darf und das kostet dann 16 Euro. Das ist recht günstig, es gibt aber auch keinen Strom und kein Wasser. Billiger ist nur das Ankern im Hafenbecken.

14. Juni 2019

Wieder wurden wir mit einem lauten dong dong dong geweckt. Diesmal war es die Ausholerleine, die auf den Baum trommelte. Der Wind war also schon da und kam immer noch fast aus Osten. Ich startete den Generator um die Batterien nachzuladen. Mitten beim Frühstück ging er dann plötzlich aus. Ein Blick auf das Display zeigte Überhitzung an. Das Seewasserfilter hatte ich gerade vor ein paar Tagen gereinigt. Nach Öffnen der Klappe zum Motorraum konnte ich durch den Filterdeckel hindurch sehen. Im Filterinnern sah es grau aus – eine Qualle saß drin.

Erst mal zu Ende frühstücken, damit sich der Motor abkühlen kann und dann Filter reinigen. Das klingt einfacher als es ist. Es war zwar keine dieser Feuerquallen, aber sie saß in jeder Ritze des Filtereinsatzes und ihre Reste waren nur mühsam zu entfernen. Beim Wiedereinsetzen bemerkte ich, dass unter der frisch eingebauten Centaflex Kupplung Wasser stand und Wasser tropfte aus dem Generatorgehäuse. Ich öffnete es und sah, dass es aus der Seewasserpumpe für die Motorkühlung tropfte. Ihre Wellendichtung war kaputt.

Ein Mitarbeiter des Herstellers Panda in Deutschland sagte am Telefon, dass wir damit nicht weiterfahren sollten. Für Italien sei die Fa. VECO zuständig. So schrieb ich eine E-Mail an VECO, mir eine Ersatzpumpe auf ein Postamt in Olbia zu schicken. Mal sehen was jetzt passiert. Wir liegen Gott sei Dank fest an einer Pier und Olbia hat einen Flughafen, was auf schnelle Lieferung hoffen lassen könnte. Doch alles in allem, wir lagen wieder mal fest wegen einer wenige Gramm schweren Dichtung.

Die Pier grenzte direkt an einen großen Parkplatz und täglich kamen Touristen am Schiff vorbei. Einige machten Bemerkungen und andere stellten auch belanglose Fragen. Was sie wohl dachten, wenn sie uns scheinbar relaxend im Cockpit sahen? Bestimmt nicht, dass wir wieder einmal Ärger mit der Technik haben. Bei unserem großen Energieverbrauch mit den vielen Kühleinrichtungen müssen die Batterien täglich aufgeladen werden.

15. Juni 2019

Noch war keine Antwort auf meine Mail an VECO eingetroffen. So griff ich zum Telefon und rief die Firma an. Der Anrufbeantworter meldete sich mit der Mitteilung, dass am Montag wieder Geschäftszeit ist. Na klar, es war Samstag. Wochentage und Uhrzeiten sind bei längeren Segelreisen schon nach wenigen Tagen nicht mehr präsent. Was nun? Die Alternativen sind:

  1. Generator weiter benutzen und die Bilge täglich abpumpen.

  2. Batterien mit der Hauptmaschine laden.

  3. Für 90,00 Euro in die Marina Aranci gehen.

Wer weiß, wie lange es dauert, bis das Ersatzteil ankommt. Eine Woche in Aranci kostet schlappe 630 Euro, nicht gut. Der Generator tropfte inzwischen schon heftiger. Sollte er ganz ausfallen dann würde nur noch die Hauptmaschine helfen. Beim Durchblättern des über 200 Seiten starken Manuals wurde im Abschnitt „Installation Instructions“, also in der „Montage Anleitung“ für die Werft, der Hinweis entdeckt, dass immer eine Ersatzwasserpumpe an Bord sein soll. Warum stehen solche Hinweise nicht eingerahmt auf der ersten Seite? Dann wären sie wenigstens hilfreich.

17. Juni 2019

Das Wochenende war vorüber. Mittags kam nach einigen erfolglosen Anrufen bei VECO eine E-Mail, in der mitgeteilt wurde, dass ein Ticket kreiert worden sei und man sich kümmern würde. Etwas später kam dann ein Angebot über eine neue Pumpe für 420,00 Euro bei 7 Tagen Lieferzeit. Außerdem wurde mir eine Firma im etwa 35 km entfernt liegenden Palau genannt, die mir helfen könne. Diese Firma habe ich dann angeschrieben. Eine Antwort kam jedoch nie.

Man kann sich dann nur noch selbst helfen. Panda Deutschland durfte nicht liefern, da sie an VECO wohl alle Rechte für Italien abgegeben hatten. So suchte ich im Internet nach Alternativen und wurde fündig bei MARITIMUS in Mecklenburg Vorpommern. Die bestätigten mir, dass sie eine Seewasserpumpe für den Panda 10000i auf Lager hätten. So zog ich los, um eine Lieferadresse zu suchen. Gleich um die Ecke fand ich dann das Geschäft EURONAUTICA. Der Inhaber Claudio Angioni war ein sehr freundlicher Mann und erklärte sich sofort bereit zu helfen. Da er hauptsächlich mit Tauwerk handelte und auch Spleißarbeiten durchführt, habe ich dann gleich eine neue Schleppleine für das Dingi bestellt. Die war zwei Tage später fertig. Es war eine sehr gute Arbeit.

Abends bestellte ich dann die Pumpe per Expresslieferung bei MARITIMUS. Das bedeutete, dass wir Olbia nicht mehr verlassen und die die für Freitag, d. 21. 6. angekündigte Lieferung abwarten mussten. Ist ja auch nicht so schlimm, denn Olbia ist immerhin eine 60.000 Einwohner zählende Stadt, in der man problemlos einige Tage zubringen kann.

 

20. Juni 2019

Nach einigen Einkäufen waren wir wieder auf dem Schiff, da erschienen zwei Offizielle, einer von ihnen in Uniform und übergaben mir einen Vordruck, den ich bis 21:00 Uhr ausgedruckt bei der Hafenbehörde abgeben soll.

Diesen füllte ich aus und machte mich auf zur Hafenbehörde. Die schickte mich erstmal zurück in die Corsa Umberto, um dort in einem Tabackladen eine sog. MARCA DA BOLLO für 16,- Euro zu kaufen, die auf dem Vordruck oben links auf einem markierten Feld aufzukleben sei. Das hatten die beiden am Schiff bestimmt gesagt, aber sie sprachen nur italienisch. Nachdem das geschehen war, wurde ich wieder an der Hafenbehörde vorstellig. Man sagte mir, dass ich vor dem Haus zu warten hätte, der Boss komme gleich.

Und er kam nach wenigen Minuten von der anderen Straßenseite. Er erklärte, dass an der alten Pier nur kurzfristig festgemacht werden darf. Wenn ein Problem vorliegt muss eine Marina aufgesucht werden, eventuell auch mit Schlepphilfe, wenn ein Schaden am Schiff besteht. Er hatte wenigstens ein Einsehen und lies uns noch am Freitag mein Packet abwarten, dann müsse ich aber noch am Freitag den Hafen verlassen.

Eigentlich geht es dabei nur ums Geld. Die Einnahmen für eine Woche Marina sind natürlich willkommen und da geht es nicht an, dass man die ganze Zeit billig oder gar kostenlos an der Pier liegt.

21. Juni 2019

Das Packet war zugestellt. Es wurde auch langsam Zeit denn wir waren schon zu lange an einem Ort. Ich hätte die Pumpe auch zu einer anderen Marina schicken lassen können, aber dann wäre ich festgelegt, genau dahin zu segeln. Das erste Problem bestand nun darin, die alte Pumpe auszubauen, was nach einigen Versuchen mit etwas Gewalt möglich war. Noch komplizierter gestaltete sich der Einbau. Schließlich war auch das geschafft und alles bei 40 Grad im Motorraum.

Wir könnten jetzt Ablegen, aber der Wind drückte das Schiff mit 12 bis 17 Knoten direkt von der Seite auf die Pier. Alle Leinen wurden weggenommen, bis auf einen kurzen Strop von der Heckklampe zu einem Ring auf der Pier. Dann wurde gewartet und gehofft, dass der Wind mal kurz eine kleine Pause einlegt. Immer wenn er etwas nachließ wurden die Querruder ausgefahren. Wir hatten einfach keine Lust, uns mit Leinenhilfe zu befreien, was uns an dieser Steinpier mit den riesigen Gummiwalzen direkt vor und hinter dem Schiff auch zu risikobehaftet schien.

Nach einer halben Stunde Wartezeit ging der Wind kurzzeitig auf 8 Knoten zurück. Jetzt oder nie. Beide Querruder arbeiteten und das Schiff kam von der Pier frei, so dass Vorwärtsfahrt aufgenommen werden konnte und Ruderwirkung einsetzte. Es ging dann den Tonnenstrich hinaus in die Bucht von Olbia. Dort wollten wir gar nicht ankern, weil das Wasser in dieser Bucht als nicht sehr sauber gilt. Doch der Wind nahm derart zu, so dass wir die Fahrt zu unserem eigentlichen Ziel, das wir erst um 21 Uhr erreicht hätten, aufgaben. Ich drehte ab und steuerte eine nahgeliegene Stelle mit ablandigem Wind an. Der hatte inzwischen eine Stärke von fünf erreicht. Der Anker hielt und das Schiff schwojte heftig, aber es gab keinen Seegang etwa eine halbe Meile vom Strand weg.


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